Kunstvolle Balance der Worte
LYRIK - Eindrucksvolle, geistreiche Miniaturen um Zerbrechlichkeit, Tod und Zweifel gelingen dem Neustrelitzer Jörn E. Runge im Debütband "Saures geben".
"Erlkönigs Stiefkind bin ich/ Verloren in den Wirren/ Meiner Windungen" Mit diesen Sprachbildern baut Jörn E. Runge (Jahrgang 1966) einen dramatischen Spannungsbogen in seinem Gedicht "Unverbesserlich". Es geht um seine Erfahrungen und Gefühle mit "vergeigten Revolutionen käuflicher Geister". Er wehrt sich gegen "verfüllte Mägen", "vertrommelte Hirne" sowie "verflaggte Ohren und Augen". Er liest uns Leviten gegen besseres Wissen, wie er dichtend schreibt. In seinem ersten Gedichtband liegt eine unpathetische Konzeption dem Gedankenfluss zu Grunde. Der Titel "Saures geben" ist poetisches Programm. Ein Charakter umfasst mit glühender Empfindung ein Ideal, ringt mit enttäuschenden Wirklichkeiten, ohne sich weit von den sinnlichen Wahrheiten der Lebensrealitäten seiner Leser zu entfernen. Das ist der Stoff des Neustrelitzer Autors in seinem Erstling, ausgebreitet in zwei Abteilungen. Stilles Wasser und Hommagen. Runge schafft eindrucksvolle Miniaturen seiner Gefühle und Gedanken. Viel Ernstes ist dabei, noch mehr Geistreiches. Ihm geht es wie der Lyrik insgesamt nicht um sachliches Mitteilen, sondern um eine andere Art der Welterfassung. Sie spricht, wie auch andere Kunstgenre, die Gefühle vor dem Verstand an. Der Leser spürt, Jörn E. Runge liebt das poetische Philosophieren, das kunstvolle Balancieren mit Worten auf der Suche nach des Lebens Sinn. Sein Credo findet sich wohl in "Schweres Erbe". "Wer nicht hören will/Muss schreiben." Runge beherrscht die Sprache der Poesie. Wenn er beispielsweise in "Durchs Morgenland" stimmungsvolle Sprachbilder auf engstem Raum zeichnet. "Hinter den Kupfermonden/Flaggt der Himmel sein Tiefstes Rot." Dem Schreiber ist das Lyrische wahrhafter Ausdruck innerseelischer Vorgänge. So endet er in "Nichts mal ich Mir aus Mehr" mit dem Gedanken "Ich/Wünscht ich wäre/Tot." Aber auch Welthaltigkeit reflektieren die "Stimmungen" des Neustrelitzers, der nach seiner Rechtsanwaltstätigkeit in Berlin mehrere Jahre als Redakteur in London und kurzzeitig in Dubai gearbeitet hat. Themen des gehaltvollen Buches sind vor allem Einsamkeit, Zerbrechlichkeit, Tod und Zweifel, gestaltet in freien Rhythmen. Der überschaubare Rahmen seiner lyrischen Erzählungen verhindert, dass die Stimmungen "zerfließen". Schon die Titel seiner Gedichte wecken Erwartungen und Emotionen. Herbst, Vermächtnis, Nordirland, Moralität, Abschiedsbrief, das Kreuz unter dem Kreuz oder Mahnung. Der Autor trägt wie seine Leser schwer am Los der Kunst, Mensch zu werden. Es ist nicht das Gelingen des Erstlingswerks, es ist die Stimmung und die Sorgfalt der Sinnsuche, die ergreift, beschäftigt und überwältigt. Diese Gedichte zeigen waches Bewusstsein sowohl der eigenen Vergangenheit als auch der Gesellschaft. Runges durchdringende Blicke auf vergangene und gegenwärtige Realitäten entlarven vor allem falschen Schein. Der Dichter formuliert in seiner unkomplizierten, auf den Punkt gebrachten, bildhaften Sprache existenzielle, urmenschliche Zweifel. Schlicht, hintersinnig und fesselnd. Bis auf einige kurze Aufschreie dominieren leise Töne voll bezwingender Intensität den Erzählfluss. Schon beim lyrischen Debüt zeigt sich außergewöhnliche literarische Qualität, nicht nur für die überschaubare Verschworenengemeinschaft norddeutscher Poesie. Jörn E. Runge ist als Lyriker bislang weitgehend unbekannt. Aber das wird sich wohl ändern.
Nordkurier, 18. April 2008, Dr. Jürgen Tremper